Mittelreich

Sa 21.10., 19.30 Uhr | Münchner Kammerspiele Kammer 1  Barrierefreier Zugang

Musiktheater nach Josef Bierbichler frei nach der Inszenierung von Anna-Sophie Mahler (mit englischen Übertiteln)
Regie: Anta Helena Recke

Was geschieht, wenn eine Künstlerin ein bereits existierendes Werk, das nicht von ihr selber stammt, einem Akt der Aneignung zuführt - also die gleiche Arbeit noch einmal produziert, sie kopiert, sie mit kleinen, aber um so bedeutsameren Veränderungen versieht oder sie in einen anderen Kontext stellt? Das Schaffen von Elaine Sturtevant, Louise Lawler oder Sherrie Levine zeigt, wie unterschiedlich, wie produktiv, wie politisch brisant die künstlerischen Techniken sein können, die sich im Laufe der vergangenen 50 Jahre im Bereich der Appropriation Art herausgebildet haben. Die in München lebende Regisseurin Anta Helena Recke ist die vielleicht erste Theaterschaffende, die dieses in der Bildenden Kunst längst etablierte Paradigma in einer radikalen Geste auf die Darstellende Kunst übertragen will.
Ihre Arbeit "Mittelreich" ist eine Kopie der Inszenierung "Mittelreich" von Anna-Sophie Mahler, die im November 2015 in der Kammer 1 ihre Premiere erlebte und in der Folge zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde. In ihrer ersten Produktion für die Münchner Kammerspiele übernimmt Anta Helena Recke alle Parameter von Anna-Sophie Mahlers "Mittelreich" originalgetreu. Es wird der gleiche Text gesprochen. Die Szenographie ist identisch. Nur die SchauspielerInnen werden ausgetauscht. Es stehen ausschließlich schwarze DarstellerInnen auf der Bühne. Mit dieser Strategie der abweichenden Wiederholung will sich "Mittelreich" in den Kanon des deutschen Sprechtheaters einschreiben und so die Vorzeichen problematisieren, unter denen genau dieser Kanon immer weiter hervorgebracht wird. Denn: Fast alle Menschen, die an deutschen Stadtund Staatstheatern auf und hinter der Bühne arbeiten, sind weiß. Der Gedanke hinter dem im deutschsprachigen Raum verbreiteten und weltweit einmaligen Konzept des Ensemblebetriebs war es einmal, dass in einem Ensemble die hiesige Gesellschaft widergespiegelt wird. Die Menschen, die man auf der Straße sah, sollten auch im Ensemble vertreten sein.

Heutzutage steht das Bild, das in Theaterensembles von der Gesellschaft gezeichnet wird, in krassem Gegensatz zu dem Bild, das die in Deutschland lebenden Menschen abgeben. Fakt ist, schwarze Körper kommen vor, und sie sind alles andere als eine Ausnahme. Der strukturelle Rassismus, der alle gesellschaftlichen Ebenen prägt, wird in der Besetzungspraxis der städtischen Theater lediglich auf besonders plastische Weise lesbar. "Mittelreich" stellt sich dieser Prognose und der in ihr zum Ausdruck kommenden Strategie der Beschwichtigung und des Aufschubs von Veränderung entgegen. Warum nicht im Gang der Geschichte einfach mal die Abkürzung nehmen?

Münchner Kammerspiele Kammer 1 | Maximilianstr. 26-28 | 80539 München
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