Die Götter weinen
Sa 10.3., 19:00 Uhr, Mi 14.3., 19:30 Uhr | Residenztheater
Bayerisches Staatsschauspiel
Es beginnt mit einer unerwarteten Machtübergabe: Colm (Manfred Zapatka), der jahrzehnte an der Spitze der Argeloin-Company stand und das Unternehmen mit alt-patriarchalem Geist zum weltgrößten Versorgungsimperium aufbaute, dankt ab – und als wäre er König Lear, teilt er sein Reich in gleiche Teile auf. Die beiden Manager Catherine (Carolin Conrad) und Richard (Götz Schulte) sollen seine Nachfolger werden, sein Sohn Jimmy (Johannes Zirner) hingegen ist zu schwach fürs Geschäft und wird bei der Machtvergabe übergangen.
Colm erlangte Erfolg, indem er in neokolonialistischer Manier die Versorgungsressourcen der Welt ausschlachtete und dabei seine Konkurrenz mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln vernichtete. Einst eine drittklassiger Firma, beherrscht der Konzern nun den Markt und verfügt über die Nahrungsmittel und das Trinkwasser dieser Welt. Doch ab jetzt soll alles anders werden. Verbittert blickt Colm auf sein Lebenswerk, das zu viele Menschenopfer kostete, und verlangt, dass die neu ernannten CEOs die Geschäfte vernünftig und als Team lenken. Colm selbst will sich fortan einem neuartigen Projekt widmen, von einem zentralamerikanischen Staat aus einen gerechten Kapitalismus aufbauen, der die Dritte Welt als eigenständigen Partner im globalen Wettbewerb rüstet – ein Marshallplan des 21. Jahrhunderts, nicht weniger als die Errettung der Armen aus dem Elend, denn: „Wir sind keine Monster!“
Doch Colms alte Prinzipien aus Herrschafts- und Profitansprüchen rächen sich spät. In den Augen seiner Nachfolger ist der kostbare Boden in der Dritten Welt ein heiß umkämpftes Spekulationsgut, die Raubtierinstinkte der jungen Manager sind geweckt, das Spiel um die Macht ist eröffnet.
„Landgrabbing“ nennen sich die Landtransaktionen, die in der Marktwirtschaft tagtäglich praktiziert werden, bisher aber in der Öffentlichkeit wenig Beachtung fanden: Industrieländer und Spekulanten stürzen sich auf billiges Ackerland in der Dritten Welt, um ihre eigene Ernährungssituation zu sichern oder um reine Gewinnmaximierung zu betreiben. Denn nach Ansicht von Finanzexperten ist Landerwerb in armen Ländern eine „Wertanlage wie Gold, nur besser.“ In „Die Götter weinen“ („The Gods Weep“, uraufgeführt 2010 an der Royal Shakespeare Company) versetzt diese fragwürdige Praxis der multinationalen Konzerne die Welt in Brand und löst einen veritablen Versorgungskrieg aus.
Der britische Dramatiker Dennis Kelly, dessen Stücke seit einigen Jahren die internationalen Bühnen erobern, erzählt in seinem bisher größten und komplexesten Werk von der Wiederkehr der Archaismen in modernster Gestalt: Vor den Augen der Zuschauer entspannt sich ein Geflecht aus Lüge und Verstrickung, perfider Taktik und brachialer Gewalt, welches die Welt schließlich in die Endzeit katapultiert. In einem düsteren Science-Fiction-Gemälde, das an die Romane Cormac McCarthys erinnert, kämpft im zweiten Teil des Stücks eine aufgelöste Gesellschaft den chaotischen Krieg um Nahrungsmittel.
Am Ende des dramatischen Triptychons kommt es zur Begegnung zwischen dem „wirren König“ Colm, der zum ersten Mal Liebe erlebt, und Barbara (Katharina Schmidt), der jungen Tochter eines Konkurrenten, dessen Leben in frühen Jahren vernichtet wurde. In einem zarten Kammerspiel stellt Kelly den Begriff der Zivilisation zur Disposition und weckt die Hoffnung auf Menschlichkeit und Empathie nach der Katastrophe.
Der tschechische Regisseur und Bühnenbildner Dušan David Pařízek inszeniert zum ersten Mal in München. Seit zehn Jahren leitet er das Prager Kammertheater. Zuletzt arbeitete er am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg und am Schauspielhaus Zürich, wo er sich mit Werken der Deutschen Klassik beschäftigte.
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