• (c) 2017 Universal Pictures
"Der seidene Faden" ist die zweite Zusammenarbeit zwischen Regisseur Paul Thomas Anderson und Oscarpreisträger Daniel Day-Lewis. (c) 2017 Universal Pictures

Gipfeltreffen der Besessenen

Kinotipp der Woche: „Der seidene Faden“ ist womöglich der letzte Film von Ausnahmeschauspieler Daniel Day-Lewis. Ein Jammer!  

Es ist schon ein wenig sadistisch, seinen Abschied von der Kinoleinwand anzukündigen und dann mit so einem Film abzutreten. Denn in „Der seidene Faden“, seinem selbsterklärten letzten Filmprojekt, zeigt Daniel Day-Lewis in einer Traumrolle, warum er der einzige Schauspieler ist, der drei Oscars sein Eigen nennen darf (und der jetzt auf einen vierten hoffen kann). In seinem 21. Film spielt der 60-Jährige den (fiktiven) Modeschöpfer Reynolds Woodcock, der im London der Nachkriegsjahre die Reichen und Schönen der britischen Gesellschaft einkleidet, einen Mann, der die fleischgewordene Disziplin ist und aus der Bahn geworfen wird, als er einer jungen Frau begegnet.

Die Rolle passt perfekt auf Day-Lewis, dem der Ruf anhaftet, selbst ein Besessener zu sein, ein detailverliebter Schauspieler, der sich seine Preise nicht nur mit Talent, sondern auch mit eiserner Disziplin verdient hat. In der Rolle des Reynolds Woodcock kann er sich nun austoben. Zusammen mit seiner gestrengen Schwester Cyril (Lesley Manville) führt der alternde Schneider sein exklusives Modehaus „The House of Woodcock“. Sie kümmert sich um das Geschäft, er sich ums Kreative. Näherinnen, die wohl schon seit Jahrzehnten für das Londoner Unternehmen arbeiten, setzen Woodcocks Entwürfe in Handarbeit um, zum Schluss wird das kleine Label mit ein paar Stichen eingenäht. „Der seidene Faden“ spielt in einer Zeit, in der Models noch ein kleines Bäuchlein haben durften und in einer Welt, die maximal weit entfernt ist von Primark und Co.

Bei Woodcock liegen Besessenheit und Tyrannei nahe beieinander. Er hat Affären mit seinen Modellen, und wenn er ihrer überdrüssig ist, findet Schwester Cyril sie mit einem Kleid aus der letzten Kollektion ab und schickt sie fort. „Ich habe für Konfrontation schlicht keine Zeit“, kanzelt Woodcock jede Kritik an seinem Verhalten ab. Als dann Alma (gespielt von der deutschsprachigen Luxemburgerin Vicky Krieps, „Elly Beinhorn – Alleinflug“) in sein Leben tritt, zunächst als Modell, dann als Geliebte, schließlich als Ehefrau, schwankt er immer mehr zwischen den Extremen. Wenn er zu ihr sagt: „Sie haben keine Brüste. Es ist meine Aufgabe, Ihnen welche zu geben“, meint er das tatsächlich als Kompliment.

In einer schier unangenehm angespannten Szene sitzen der Schneider, seine Schwester und seine noch frische Geliebte gemeinsam beim Frühstück, und jedes Geräusch, das Alma macht – das Streichen der Butter über den Toast, das Aufknacken der Eierschale mit dem Löffel – bringt ihn zur Weißglut. „Der seidene Faden“ ist nicht nur ein Film über einen besessenen Modemacher, sondern auch über das Leben mit einem Künstler. Zunehmend gerät Alma in den Fokus, ihr täglicher Kampf mit Woodcock, das ständige Ausloten von Grenzen und Freiheiten. Sie, die mit ihrer Natürlichkeit so gar nicht in das steife „Woodcock House“ passen mag, muss sich ihren Platz immer neu erkämpfen. Bis sie irgendwann zu drastischen Mitteln greift.

Meisterregisseur Paul Thomas Anderson inszeniert dieses Hauen und Stechen und Lieben mit schneidender Strenge und einer kühlen Distanz, die immer wieder gebrochen wird von schwelgerischen Bildern, die Anderson selbst mit der Kamera einfing, und einem sehr trockenen, sparsam eingesetzten Humor. Nach „There Will Be Blood“ (für den Day-Lewis seinen zweiten Oscar zugesprochen bekam) ist „Der seidene Faden“ die zweite Zusammenarbeit zwischen dem Regisseur und dem Schauspieler. Day-Lewis hatte zur Vorbereitung gar das Schneider-Handwerk gelernt.

Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood, ein manischer Klangtüftler, zeichnet zum wiederholten Male für den Soundtrack verantwortlich. Für die großartige, klassisch gehaltene Musik, die den Film über weite Strecken trägt, erhielt er nun erstmals eine Oscar-Nominierung.

„Der seidene Faden“ ist ein Zusammentreffen von Besessenen, aber auch ein Film, dessen Strenge bisweilen Distanz schafft. Wenn Anderson die Beziehung zwischen seinen Protagonisten seziert oder wenn er die Arbeitsabläufe zeigt, die Woodcocks Kreationen Wirklichkeit werden lassen, dann macht er das mit kühl-analytischem Blick, der sich nur selten in der Schönheit der Mode verliert, und wenn doch, sich bald wieder fängt.

„Der seidene Faden“ ist ein nüchterner, überraschend leidenschaftsloser Film über die Leidenschaft geworden. Alles ist hier so perfekt – jede Einstellung, jede Handbewegung, jeder Satz -, dass einem nichts anderes bleibt, als in Ehrfurcht zu erstarren. Auch, wenn dieses enge Korsett einem bisweilen die Luft abzuschnüren droht.

Kinotipp der Woche: „Der seidene Faden“

Von | 2018-02-08T10:39:29+00:00 Feb 1, 2018|