• (c) Jan Hetfleisch/Getty Images
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„Für Hass ist mir die Zeit zu schad'“

Auch einem VolksRock’n’Roller ist die Lederhosn nicht angewachsen. Andreas Gabalier erwartet den Gesprächspartner diesmal mit Jeans und coolem Motto-Shirt: „Run Forrest Run“ steht in großen Lettern auf der breiten Brust, in der Hand hält er einen funktionstüchtigen Walkman (inklusive Dean-Martin-Musikkassette). „Die letzte Generation, den hab‘ ich mir gesichert“, grinst er stolz. Keine Frage, der steirische Superstar ist ein bisschen oldschool, und, man mag es kaum glauben, ein ziemlich ruhiger und nachdenklicher Zeitgenosse, wenn er nicht gerade vor Tausenden Fans die Sau rauslässt. Er kann auch auf der Bühne anders, wie Gabalier beim „MTV Unplugged“-Mitschnitt unter Beweis stellt. Vom Stadl zu „MTV Unplugged“ – eine unfassbare Erfolgsgeschichte. Die Münchner-Fans dürfen sich gleich auf zwei Auftritte von Andreas Gabalier im Jahr 2018 freuen: Am 16. Juni spielt er im Olympiastadion, am 17. November in der Olympiahalle.

Tipp: Hier gibt es alle Infos zu den Auftritten von Andreas Gabalier in München

Höher, schneller, weiter: Sie sorgen jedes Jahr mit neuen Superlativen für Furore. Treibt Sie der Ehrgeiz?

Schon, ich bin halt Vollblutsportler! Ich trete ungern auf der Stelle, mir wird fad, wenn nichts vorwärtsgeht, und ich erobere gerne Neuland. Natürlich müssen auch für die Fans immer wieder Anreize geschaffen werden, damit sich was bewegt. Also bin ich der erste Österreicher, der ein „MTV Unplugged“-Album aufgenommen hat. Auch der erste Österreicher, der ein deutsches Bundesligastadion gefüllt hat …

Und gewiss auch der Einzige, der mit einer Anna Netrebko ein Lied einspielt, während er den Wiesn-Hit auf dem Oktoberfest gelandet hat!

Ja, wieder so eine Verrücktheit. Dass so was passiert, hat sicher damit zu tun, dass ich mich gerade dann herausgefordert fühle, wenn alle anderen sagen: „Lass die Finger davon, des wird eh nix!“ Ich hatte mir das in den Kopf gesetzt und sie selbst gefragt, obwohl mich alle für total bescheuert erklärten. Und siehe da: Sie hat mitgemacht. Was für ein außertourlicher Moment. So was bleibt. Wahrscheinlich ist das mein Antrieb: Ich will als Künstler etwas von Bestand erschaffen.

Am 31. Juli 2016 spielten Sie vor über 70.000 Menschen im Münchner Olympiastadion …

Wenn ich an den Tag denke, kribbelt’s noch. Ich saß am Nachmittag lange auf der Tribüne, um die Atmosphäre aufzusaugen, mir anzusehen, wie die Massen hereinströmen: Schlangen von mehreren Hundert Metern, nur fröhliche Gesichter, alle hatten Dirndlkleider und Lederhosn an …

Bei Ihnen geht es rasend schnell. Sie sind erst 2012 richtig bekannt geworden …

Ja, das Tempo ist verrückt. Mir macht das manchmal auch ganz schön Angst.

Ist das die Angst, aus der Kurve zu fliegen?

So theatralisch würde ich es nicht ausdrücken. Aber manchmal überlege ich schon, warum ausgerechnet ich so vieles in so kurzer Zeit erleben darf und ob das alles überhaupt noch gesund ist. Man hat ja von dem einen oder anderen Popststar gehört, auf dessen Grabstein stand: „Er lebte schnell und intensiv – und er starb viel zu jung.“ Andererseits bin ich so nicht gestrickt. Ich lebe gesund und will das Leben einfach nur genießen. Ich bin kein Grübler, gehe immer positiv durchs Leben, und ich bin ein großer Realist, der mit beiden Beinen auf dem Boden steht … – absolut kein typischer Künstler (lacht).

Wie würden Sie Ihre Marke definieren?

Der Begriff „VolksRock’n’Roll“ beschreibt das doch gut. Es geht natürlich erst mal um die Musik, die eigentlich in keine Schublade passt: zu weich für harten Rock und zu soft für Austropop. Aber es ist auch ein bestimmtes Lebensgefühl dazugekommen.

Was genau soll das denn sein?

Das ist schwer in Worte zu fassen, ohne gleich esoterisch rüberzukommen. Es ist positiv, hat mit Lebensfreude im weitesten Sinne zu tun, sicher auch mit gewissen Werten und mit der von mir manchmal besungenen Heimatliebe. Am deutlichsten ist es für mich, wenn ich zu Hause auftrete: Da kommen inzwischen 40.000 Deutsche und hängen gleich noch eine Woche Urlaub dran. Jedes Jahr sind sämtliche Zimmer in der Region ausgebucht. Nicht nur, weil ich da auftrete, sondern wegen eben dieses Lebensgefühls. Die Leute spüren etwas tief drinnen, und sie merken, dass das echt ist, dass sie nicht verarscht werden – sonst würden sie nicht wiederkommen. Ich erzähl‘ halt kan Schmarrn!

Die Marke ist also auch ein Wirtschaftsfaktor …

Der weit über die Musik hinausreicht! Das spielt nicht nur lokal für den Tourismus in Graz und Umgebung eine Rolle, sondern auch überregional: Denken Sie an die Trachtenindustrie. Die jungen Leute richten sich ordentlich her, wenn sie zu mir aufs Konzert kommen, wann hat’s denn so was in den letzten 40 Jahren gegeben – also abseits von Musical und Oper? Dass die Trachtengewänder wieder in sind, dass die Dirndl-Industrie seit fünf Jahren einen Aufschwung erlebt, darf ich mir nachweislich mit auf die Fahnen schreiben.

Beängstigend ist das schon auch irgendwie …

Ja und ob! Da hängt Verantwortung dran. Aber zum Glück muss ich mir den Schuh nicht alleine anziehen, es gibt im Umfeld viele schlaue Köpfe. Angst machen mir höchstens andere Sachen: Wenn ich zum Beispiel sehen muss, wie akribisch bei den Konzerten an den Einlässen kontrolliert wird, dass inzwischen ein großes Polizeiaufgebot vor Ort ist und sogar Sprengstoffspürhunde eingesetzt werden, frage ich mich schon, was aus unsere schönen freien Welt noch werden soll … Mir wird schlecht, wenn ich daran denke. Aber ich sage jetzt lieber nicht mehr zu diesem Thema.

Weil alles, was Sie von sich geben, auf die Goldwaage gelegt wird?

So ist es. Aber das wäre mir wurscht. Wenn ich nicht eine Verantwortung so vielen anderen Menschen gegenüber hätte, würde ich durchaus vom Leder ziehen. Aber ich will und darf niemanden herausfordern. Die Welt ist gefährlich geworden, es laufen zu viele Irre herum.

Udo Lindenberg kritisierte einmal das fehlende politische Bewusstsein vieler deutschsprachiger Künstler. Fühlten Sie sich angesprochen?

Nein, meine Aufgabe ist es wirklich nicht, mich um die politische Lage zu kümmern. Ich verkaufe Lebensfreude.

Auch Lebensfreude kann etwas Politisches sein, wenn sie die Massen anspricht, als Kitt einer auseinanderdriftenden Gesellschaft funktioniert …

Nein, ich fürchte, daran, dass sich die Lager jetzt so unversöhnlich gegenüberstehen, kann ich auch nichts ändern. Das kriegen wir nicht mehr zusammen, wir haben es vermasselt – so optimistisch ich sonst bin. Ich habe es wirklich lange versucht, auch über die sozialen Medien, mich einzubringen, aufzuregen, einzumischen, aber das hat keinen Sinn. Was dort abgeht, ist so wild. Für geballten Hass ist mir meine Zeit zu schad‘, und ich will mich auch von niemanden instrumentalisieren lassen. Da gehe ich lieber auf die Alm und habe meine Ruh‘.

Träumen Sie dann vom Weltfrieden?

Nein, denn den wird’s nicht mehr geben. Ich träume höchstens von den heilen Neunzigern. Was ging es uns gut in diesem Jahrzehnt, ich hatte eine schöne Kindheit. Und heute? Machen sich die Leute auf Facebook gegenseitig fertig. Erzählen mir Polizisten, dass sie am Ende sind, weil es rund geht im Land und sie der Gewalt nicht mehr Herr werden. Früher hat man sich eine Watschn geben und danach zusammen ein Bier getrunken, das scheint es so nicht mehr zu geben. Vielleicht ist auch das eine Folge der jahrelangen Unterdrückungskultur, der political correctness: Nichts darf man sagen, alles muss verschwiegen werden, nichts darf ans Tageslicht kommen, und jede Diskussion, die ein bisschen tiefer geht, wird sofort heikel. Ich denke manchmal, dass sich das, was da an Haltung und Denken vorgegeben wird, immer weiter entfernt von dem, was die Leute auf der Straße empfinden. Vielleicht schürt das Aggressionen.

Wollen Sie Kinder in die Welt setzen?

Wollte ich eigentlich immer – aber inzwischen weiß ich es nicht mehr. So wie es im Moment ist, wäre es mir auch zu viel Verantwortung. Vielleicht muss ich auch erst mal wieder durchschnaufen: aufs Motorradl rauf, Sport treiben, leben …

Alles zu Andreas Gabaliers Konzerten in München finden Sie in unserem Andreas Gabalier-Special.

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Von | 2018-02-28T07:46:34+00:00 Feb 27, 2018|