• (c) Robert Cianflone/Getty Images
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Und Schweine fliegen doch

In der Olympiahalle spielt Roger Waters eine der spektakulärsten Shows, die die Stadt je erlebt hat. Außerdem bezieht der Pink-Floyd-Mitbegründer Stellung zu Vorwürfen, er sei Antisemit.

Kaum zu glauben, dass all das mit ein paar Dias angefangen hat. Als Pink Floyd noch kaum mehr waren als ein Geheimtipp im Londoner Underground, Ende der 60er-Jahre, reichten der Band ein paar Projektoren, um die Art und Weise, wie eine Bühnenshow aussehen kann, zu revolutionieren. Am Mittwochabend steht Roger Waters in der Olympiahalle, und was der ehemalige Kopf und Bassist der Band da an Show mit nach München gebracht hat, ist nicht weniger als das vielleicht spektakulärste Konzert, das die Stadt je gesehen hat. Waters schafft es, nicht nur in der Olympiahalle zu spielen, sondern quasi die ganze Halle zur Konzertbühne zu machen. Das beginnt mit dem Sound, der glasklar aus mehreren Boxen kommt, die scheinbar überall in der Halle hängen. Eine Art Dolby Atmos, wie man es aus dem Kino kennt, nur spektakulärer.

Waters startet das Konzert mit der Eröffnungssequenz aus „Dark Side Of The Moon“, geht über in eine irre Version von „One Of These Days“ und macht bei „Time“ aus der Olympiahalle eine tickenden Uhrenladen. Begleitet wird er von einer hervorragenden Band (darunter langjährige Weggefährten wie Jon Carin) sowie den Sängerinnen Jess Wolfe and Holly Laessig, die den erotisch aufgeladenen „Great Gig In The Sky“ zur kleinen Sensation machen. Nach nur drei Stücken aus dem aktuellen Soloalbum kommen die Floyd-Klassiker schlechthin: erst „Wish You Were Here“ und schließlich „Another Brick In The Wall“, bei dem Waters von Münchner Schülerinnen und Schülern auf der Bühne unterstützt wird.

Zoff im Vorfeld

Apropos München: Wäre es nach Oberbürgermeister Dieter Reiter gegangen, hätte das Konzert gar nicht erst stattgefunden. Waters, der die Israel-kritische Organisation BDS („Boycott, Divestment and Sanctions“) unterstützt, sei ein Antisemit, behauptete der SPD-Politiker. Ganz am Ende der Show geht Waters auf die Vorwürfe ein („so lächerlich, dass es nicht lustig ist“), distanziert sich von jedwedem Judenhass und greift den OB direkt an: „Es ist ein kleiner Schritt vom Verbieten eines Rockkonzerts zum Verbrennen von Büchern.“

Schon in der Pause lässt Waters allerlei Parolen auf die große Bühnenleinwand projizieren, „Resist Antisemitism“ ist eine davon. Ein Waters-Konzert ist eben immer auch eine hochpolitische Veranstaltung, in diesem Falle eine Abrechnung mit den Despoten und Politikern dieser Welt, von Trump bis Erdogan, und ein Appell an die Menschlichkeit. In diesem Kontext sind dann auch „Dogs“ und „Pigs“ zu lesen, die beiden Songs aus dem 1977er-Album „Animals“, mit denen Waters die zweite Hälfte der Show eröffnet. Wer eines dieser „Pigs“ ist, macht Waters mit Bildern von US-Präsident Trump mehr als deutlich.

Die zweite Hälfte der Show ist aber vor allem eine Neudefinition davon, was ein Konzert sein kann. Mitten durch die Halle, über den Köpfen der Zuschauer, erhebt sich plötzlich die Battersea Power Station, jenes Kraftwerk im Zentrum Londons, das auf dem legendären Plattencover von „Animals“ zu sehen ist: eine gigantische Leinwand, über der rauchende Schornsteine thronen. Ein Meisterstück der Technik, das aus der Olympiahalle endgültig eine einzige, gigantische Bühne macht. Irgendwann fliegt gar ein riesiges, aufblasbares Schwein durch die Halle.

Am Ende des Konzerts dann „Brain Damage“ und „Eclipse“, die auch „Dark Side Of The Moon“ beschließen. Waters und Band spielen unter einem riesigen Prisma, das Laserstrahlen in die Halle projizieren. Als Zugabe schließlich das wie immer phänomenale „Comfortably Numb“, und die restlos ausverkaufte Olympiahalle tobt. Spätestens jetzt denkt wohl niemand mehr an Dieter Reiter.

Noch mehr aktuelle Konzerte finden Sie in unserer Rubrik Rock- und Pop-Konzerte.

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Bewertung 4.75 (4 Bewertungen)
Von | 2018-06-14T17:00:06+00:00 Jun 14, 2018|