
© Caroline Seidel, Ruhrtriennale 2025
Das gute Leben überleben
Die Tiroler Festspiele in Erl im Juli
Es gibt Dinge, von denen man nie genug bekommt: Liebe, Geld, vielleicht auch Macht. Auch Komfort gehört dazu, besonders unser westlicher, der andernorts Entbehrung bedeutet. Davon erzählt Philip Venables’ Oper „We Are The Lucky Ones“, die im März 2025 in Amsterdam uraufgeführt wurde.
Gemeinsam mit den Librettisten Nina Segal und Ted Huffmann hat Venables über 70 Menschen befragt, die im Westeuropa der 1940er Jahre geboren wurden – die Generation, die nach dem Krieg aus Trümmern eine Welt des Überflusses schuf. Aus diesen Gesprächen entstanden keine klassischen Rollenprofile, sondern „Zeitkapseln“: Miniaturen aus Erinnerungen, Alltagsbeobachtungen, Träumen und verpassten Chancen. Sie verdichten sich zu einem Portrait jener Epoche, die Historiker später als „Golden Age of Capitalism“ bezeichnen – einem Zeitalter scheinbar unbegrenzter Möglichkeiten.
Philip Venables erzählt vom „Golden Age of Capitalism“

Venables’ Libretto erhebt keinen moralischen Zeigefinger. Vielmehr hört sie zu: den Stimmen, die nicht rechtfertigen, sondern erklären. In dieser emphatischen Perspektive liegt die Stärke des Librettos: kein Anklagen, keine Moralisierung, sondern kollektives Erinnern, das berührt und beunruhigt. Musikalisch folgt die Oper einem ähnlichen Muster. Wie das Libretto zitiert auch die Partitur Orte und Zeit ihrer Protagonisten: Swing, Big Band, Tango, Hollywood-Gesten – nie nostalgisch, nie bloße Reminiszenz. Venables verwebt diese Elemente zu einem Netz aus Klang und Erinnerung, das Vergangenheit lebendig macht, ohne sie zu verklären. Am Ende steht keine Antwort, sondern die Frage: Können wir weitermachen wie jene Generation, ohne unsere Zukunft zu verspielen? Komfort ist trügerisch – seine endlose Steigerung vielleicht die größte Gefahr von allen. „We Are The Lucky Ones„, am 18. und 24. Juli bei den Tiroler Festspielen in Erl.
Daneben gibt es in Erl diesen Sommer viel von dem, was man kennt und liebt: „Der fliegende Holländer“ und Puccinis „Suor Angelica“ in einer Inszenierung von Deborah Warner. Und für alle, die lieber ins Konzert gehen, gibt es Bruckners 3. Symphonie in der Fassung von 1889, gekoppelt mit Mozarts C-Dur Klavierkonzert, gespielt von Francesco Piemontesi.
Dazu kommen Klavierabende mit Federico Colli und Sophia Liu – und eine Lesung. Weltstar Waltraud Meier liest ein Programm mit dem entzückenden Titel „Ménage à trois“. Zusammen mit Bariton Samuel Hasselhorn und Joseph Breinl am Flügel geht es am 22. Juli um die Dreiecksbeziehung von Johannes Brahms, Clara und Robert Schumann.
Weitere Informationen finden Sie außerdem im Kalender.
Tiroler Festspiele Erl 2026 - We Are The Lucky Ones
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