
Osteopath Zapff über Schreibabys: „Die Ursache steckt oft in der Geburt“
Drei Uhr nachts. Das Baby schreit seit Stunden. Tragen hat nichts gebracht, Stillen auch nicht, und die neu gekaufte Spezialnahrung ebenso wenig. Viele Eltern kennen genau dieses Szenario und die lähmende Hilflosigkeit, die damit einhergeht. Was ihnen niemand gesagt hat: Hinter dem scheinbar grundlosen Dauerschreien steckt häufig eine körperliche Ursache, die sich mit osteopathischen Mitteln gezielt aufspüren und sanft behandeln lässt.
Andreas Zapff, Physiotherapeut, Osteopath und Inhaber der Münchner Praxis manutherapeuticum ZAPFF, erlebt genau diese Situationen regelmäßig und weiß, wie viel Leid für Eltern und Kinder dahintersteckt. In seiner Praxis wird die Kinderosteopathie von spezialisierten Kolleginnen durchgeführt. Im folgenden Fachbeitrag erklärt er, warum die Osteopathie in vielen Fällen helfen kann, wenn andere Ansätze an ihre Grenzen stoßen.
Wenn nichts mehr hilft – eine bekannte Situation
Eltern, die mit einem Schreibaby in die Praxis kommen, befinden sich meist am absoluten Limit. Viele haben wochenlang kaum geschlafen. Sie haben so ziemlich alles ausprobiert: verschiedene Trage- und Stilltechniken, Ernährungsumstellungen, spezielle Säuglingsnahrung, Bauchmassagen, Einschlafrituale. Und nichts hat wirklich geholfen. „Genau diese Eltern kommen zu uns“, sagt Zapff. „Sie wirken oft unsicher, erschöpft und fragen sich ernsthaft, ob irgendetwas mit ihrem Kind nicht stimmt oder ob sie irgendetwas falsch machen. Beides stimmt fast nie. Aber ihr Baby braucht Unterstützung, die über das hinausgeht, was bisher versucht wurde.“
Von einem Schreibaby sprechen Mediziner, wenn ein Säugling ohne erkennbare organische Ursache mehr als drei Stunden täglich, an mehr als drei Tagen pro Woche und länger als drei Wochen schreit (die sogenannte Wessel-Regel). Schätzungen zufolge betrifft das Phänomen bis zu 20 Prozent aller Neugeborenen. Lange wurde es pauschal auf Blähungen oder Unreife des Verdauungstrakts zurückgeführt, was den populären Begriff „Dreimonatskoliken“ erklärt. Doch dieses Bild gilt heute als zu vereinfacht. Neuere Forschung und klinische Erfahrung legen nahe, dass ein erheblicher Teil der Fälle auf funktionelle Störungen des Bewegungsapparats und des Nervensystems zurückgeht. Spannungszustände, die durch die Geburt entstehen können und die das Baby schlicht nicht anders mitteilen kann als durch Schreien.
Die Geburt als unterschätzter Stressfaktor
Die Erklärung, die Zapff am häufigsten gibt, überrascht viele Eltern: Die Geburt selbst kann der Auslöser sein. Wehen, Druck, die Enge des Geburtskanals, der mögliche Einsatz von Saugglocke oder Geburtszange, all das beansprucht den noch weichen Schädel, die Halswirbelsäule und das Bindegewebe des Neugeborenen in einem Ausmaß, das von außen nicht sichtbar ist. „Der Verlauf der Schwangerschaft, die Lage im Mutterleib und letztendlich die Art und Dauer der Geburt haben großen Einfluss auf die weitere Entwicklung des Kindes“, erklärt Zapff. „Eine Geburt beansprucht die körperlichen Fähigkeiten des Kindes bis zur äußersten Grenze. Das ist etwas, das ich Eltern immer wieder erkläre, weil es so oft unterschätzt wird.“
Dabei können sich Spannungen festsetzen, die klassische bildgebende Diagnostik nicht erfasst, dem Baby aber spürbar zusetzen: Kompressionen im Bereich der Schädelbasis, Bewegungseinschränkungen in der Halswirbelsäule oder Spannungen im Zwerchfell, die Verdauung und Atmung beeinflussen. Auch Dysfunktionen im Bereich des Nervus vagus, jenes Hirnnervs, der unter anderem Magen und Darm steuert, gelten als mögliche Ursache für anhaltende Unruhe und Schreiphasen. „Wenn ich Eltern frage, wie die Geburt verlaufen ist, ergibt sich oft sehr schnell ein Bild, das erklären kann, warum ihr Baby so unruhig ist.“
Was bei einem Schreibaby konkret behandelt wird
Die Kinderosteopathie arbeitet ausschließlich mit den Händen. Durch feinfühlige manuelle Untersuchung ertasten die auf Kinderosteopathie spezialisierten Kolleginnen Jacqueline Bhamroyal und Cyrine Chebil Spannungen, Asymmetrien und Einschränkungen im kindlichen Gewebe. Im Fokus stehen vor allem Spannungen im Körper, die durch die Geburt entstanden sind, Bewegungseinschränkungen im Kopf- und Halsbereich sowie funktionelle Störungen, die sich auf Verdauung, Schlaf oder Unruhe auswirken können.
Ziel ist es, diese Funktionsstörungen zu lösen und die körpereigenen Selbstregulierungskräfte des Säuglings zu aktivieren. „Der noch in der Entwicklung befindliche, völlig unbelastete junge Körper ist im Stande, therapeutische Reize und Effekte sehr schnell und umfassend zu integrieren“, erläutert Zapff. „Das macht die Arbeit mit Säuglingen so besonders: Die Reaktion auf die Behandlung ist oft beeindruckend schnell.“ Konkret bedeutet das: mehr Ruhe, besserer Schlaf, weniger Schreiphasen und eine spürbare Entlastung für das gesamte Familiensystem.
So läuft ein Termin in der Praxis ab
Der erste Termin dauert in der Regel 45 bis 60 Minuten und beginnt mit einem ausführlichen Gespräch. Die Therapeutinnen fragen gezielt nach dem Schwangerschaftsverlauf, dem Geburtsgeschehen und dem aktuellen Verhalten des Babys, denn all das liefert wichtige Hinweise auf mögliche Ursachen. „Während der Schwangerschaft und der Geburt geschehen häufig Ereignisse, die das Kind nachhaltig prägen können und bei der Behandlung sorgfältige Aufmerksamkeit erfordern“, betont Zapff.
Im Anschluss folgt eine eingehende Untersuchung des gesamten kindlichen Körpers, von den Füßen bis zum Kopf, unabhängig von der konkreten Symptomatik. „Ich nenne es den osteopathischen Check-up“, so Zapff. Aus dem Befund erarbeiten die Kolleginnen ein individuelles Behandlungskonzept. Die eigentliche Behandlung besteht aus sehr sanften manuellen Techniken, ohne Manipulationen, ohne Schmerzen, ohne Hilfsmittel. Viele Eltern berichten, dass ihr Baby schon während der Behandlung spürbar entspannt und danach tiefer schläft. „Das sind die Momente, die mich und mein Team immer wieder bestätigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“
Wie viele Behandlungen nötig sind, lässt sich pauschal nicht sagen. „Es kommt in der Tat vor, dass direkt nach der ersten Behandlung Symptome deutlich reduziert werden“, sagt Zapff. „Um ein gutes und konstant andauerndes Ergebnis zu erzielen, sind aber oft mehrere Einheiten erforderlich.“ Nach vier bis fünf Behandlungen sollte in den meisten Fällen eine wesentliche Verbesserung festzustellen sein.
Früh handeln lohnt sich
Ein wichtiger Grundsatz in der Kinderosteopathie: Zeit spielt eine Rolle. „Je länger funktionelle Einschränkungen im Körper bestehen, umso hartnäckiger sind sie zu behandeln“, sagt Zapff. Als idealen Zeitpunkt für einen ersten Besuch, auch ohne konkrete Beschwerden, als reinen Check-up nach der Geburt, nennt er die fünfte bis sechste Lebenswoche. „Sie kennen dann Ihr Baby schon recht gut, und auch manche Symptome beginnen sich erst um diesen Zeitraum herum zu manifestieren.“ Bei ausgeprägten Symptomen ist eine Vorstellung aber auch früher sinnvoll. „Ich sage Eltern immer: Warten Sie nicht zu lange. Kommen Sie einfach vorbei und lassen Sie uns gemeinsam schauen, was Ihrem Kind helfen kann.“ Grundsätzlich ist eine osteopathische Untersuchung ab dem ersten Lebenstag möglich.
Anzeichen, bei denen Kinderosteopathie in Betracht gezogen werden sollte, sind unter anderem anhaltendes Schreien ohne organischen Befund, Schlafstörungen, ausgeprägte Unruhe, Trinkprobleme, starkes Spucken sowie eine Schonhaltung des Kopfes oder eine sichtbare Asymmetrie des Schädels, besonders nach schweren oder instrumentellen Geburten.
Was die Studienlage sagt
Die wissenschaftliche Evidenzlage zur Osteopathie bei Schreibabys ist wie bei vielen komplementärmedizinischen Ansätzen noch im Aufbau. Mehrere kleinere klinische Studien und systematische Reviews deuten jedoch auf positive Effekte hin. Eine 2018 im Journal of Bodywork and Movement Therapies veröffentlichte Übersichtsarbeit kommt zu dem Ergebnis, dass osteopathische Behandlungen bei Säuglingen mit Koliken und exzessivem Schreien zu einer signifikanten Reduktion der Schreidauer führen können. Kritiker verweisen auf methodische Schwächen einzelner Studien. Einig ist man sich jedoch, dass die Behandlung bei fachkundiger Durchführung als sicher gilt.
Entlastung für die ganze Familie
Unbehandelt gehen exzessive Schreiphasen nicht nur auf Kosten des Babys. Sie belasten die gesamte Familie: Schlafentzug, das Gefühl der Hilflosigkeit und die Sorge um das Kind können Eltern in ernsthafte Krisen treiben. Die Kinderosteopathie ist daher nicht allein als medizinische Maßnahme zu betrachten, sondern als ein Angebot, das Familien in einer besonders vulnerablen Phase konkrete Unterstützung geben kann. „Wenn Eltern nach Wochen ohne Schlaf zu uns kommen und ihr Kind nach einigen Behandlungen endlich ruhiger wird, dann ist das auch für uns als Praxis einer der schönsten Momente“, sagt Zapff.
Die Praxis manutherapeuticum ZAPFF liegt im ruhigen Münchener Stadtteil Gern/Nymphenburg und verzeichnet in den vergangenen Jahren eine wachsende Nachfrage für dieses Behandlungsfeld. Neben Andreas Zapff sind Jacqueline Bhamroyal, Cyrine Chebil und Katja Schmelzer auf Kinderosteopathie spezialisiert und bringen jahrelange Erfahrung in der Arbeit mit Säuglingen und Kleinkindern mit.
Eltern, die sich in den beschriebenen Situationen wiedererkennen, können sich direkt an die Praxis manutherapeuticum ZAPFF in München wenden, telefonisch unter +49 (0)89 – 20 03 51 37 oder über die Online-Terminbuchung. Weitere Informationen zur Kinderosteopathie finden sich unter www.manutherapeuticum.de.
Weiteres in der Rubrik Sonstiges und auf der Seite Sonstiges in und um München.
