
Der Bayreuther Hermann: Porträt eines Künstlers, der Wagner mit dem Stift verstand
Dieses Jahr feiern die Bayreuther Festspiele ihr 150-jähriges Jubiläum. Seit 1876 kommt die Welt jeden Sommer in die oberfränkische Stadt, um Wagner zu hören. Aber es gibt einen Mann, der auf die Musik aus einer ganz anderen Position schaute: nicht von innen, von einem Sitz im Festspielhaus aus, sondern von draußen, mit dem Stift in der Hand. Hermann Rongstock, Maler und Zeichner aus Bayreuth, war keiner, der sich ins Publikum einreihte. Er beobachtete lieber.
Rongstock wurde am 15. Mai 1941 in Bayreuth geboren, als Kriegswaise. Sein Vater, ein gebürtiger Bayreuther, fiel an der Front, bevor der Sohn auch nur das Sprechen gelernt hatte. Die Mutter zog ihn allein groß, mitten im nationalsozialistisch geprägten Bayreuth der frühen Vierziger. Er beschrieb sie später als durchsetzungsstark. Das Wort klingt nach Respekt.
Schon in der Schule zeichnete er Aktbilder. Das brachte ihm den Unmut seiner Lehrerinnen und Lehrer ein und war gleichzeitig ein sehr klares Zeichen, wohin der Weg führen würde. Mit 17 Jahren verließ er die Stadt. Bayreuth war ihm zu eng, zu klein. Wohin? München.
Lehrjahre und eine seltene Auszeichnung
Von 1958 bis 1960 studierte Rongstock Gebrauchsgrafik an der Blocherer Schule für freie und angewandte Kunst in München. Solide, aber nur der erste Schritt. Als Stipendiat der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst in Salzburg lernte er von 1960 bis 1961 direkt unter Oskar Kokoschka, einem der bedeutendsten Expressionisten des 20. Jahrhunderts, der seine berühmte „Schule des Sehens“ auf der Festung Hohensalzburg lehrte. Kokoschkas Prinzip war simpel und radikal zugleich: Wer zeichnet, muss zuerst wirklich sehen. Nicht abzeichnen. Sehen. Rongstock schloss das Studium mit einem persönlichen Zeugnis des Meisters ab, eine Geste, die Kokoschka selten vergab.
Zurück in München begann ein drittes Studium, diesmal an der Akademie der Bildenden Künste. Dort wurde er zum Meisterschüler unter den Professoren Hermann Kaspar und Mac Zimmermann, mit Schwerpunkt auf Illustration und monumentale Malerei. 1968 erhielt er das Diplom für besondere künstlerische Leistungen. Nicht das Standarddiplom. Das für besondere Leistungen.
Warum er zurückkehrte
1970 zog Rongstock zurück nach Bayreuth. Die Kunstkritikerin Eva Bartylla hat die Gründe auf eine Kurzformel gebracht: Richard Wagner, Jean Paul und das Jugendstilhaus, das er von seiner Mutter geerbt hatte. Das ist keine Vereinfachung, das ist Rongstocks eigene Erklärung. Bayreuth hatte sich verändert. Eine lebendige Kunstszene war entstanden, und Rongstock fand dort das, was er brauchte: Stoff, Reibung, Publikum.
Er brachte seine Kokoschka-Schulung mit, seinen expressionistischen Blick und eine Bildsprache, die nie abstrakt war, die sich aber jeder modischen Eindeutigkeit widersetzte. Nie abstrakt, immer figurativ, aber trotzdem nie klar festlegbar. Das ist kein Widerspruch. Das ist die Essenz seines Stils.
Wagner: Als Partner beim Zeichnen
Schon in den 1970er Jahren beschäftigte Rongstock sich intensiv mit Wagners Opernwerk. Aber das Festspielgeschehen interessierte ihn auf eine Art, die nicht die übliche war. Was er künstlerisch ergiebiger fand als die Bühne selbst: das Aufeinandertreffen des elitären Premierenpublikums mit den einfachen Zaungästen vor dem Haus. „Kontraste zwischen dem erlesenen, etwas elitären Premierenpublikum und den einfachen Zaungästen, die es begaffen und bewundern, war für mich weit wichtiger und künstlerisch relevanter als irgendwelche sozialprogrammatischen Demonstrationen„, sagte er selbst.
Wagner nutzte er außerdem als praktisches Werkzeug. Er ließ die Partituren beim Zeichnen laufen, nicht als Hintergrundkulisse, sondern als echten Taktgeber. „Die Musik verhilft mir zu einer Abkürzung auf dem Weg zum fertigen Bild. Wagners Musik, ein idealer Partner.“ Die musikalischen Bögen, die scharfen Kontraste, die dramaturgischen Kurven: All das übertrug sich in die Linie. Wer seine Bilder kennt, sieht das.
Eine persönliche Verbindung zur Wagner-Familie bestand ebenfalls: Katharina Wagner, Urenkelin Richard Wagners und heutige Leiterin der Bayreuther Festspiele, erhielt von Rongstock fünf Jahre lang Kunstunterricht. Er beschrieb sie als „charmant, wissbegierig und sozial eingestellt.“
Der Stil, der einen Namen bekam
Rongstocks Bilder verlangen einen zweiten Blick. Die Motive fliehen an ihren Rändern aus der Ordnung. Klare Konturen sucht man vergeblich. Das ist keine Unsicherheit des Zeichners, das ist Absicht. Kunstkritiker fanden dafür das Wort „strich-umzittert“, in Anlehnung an Alfred Döblins Satz: „Der Sinn zittert nur in ihr.“ Die Linienführung referiert auf die Natur der Stoffe, die Rongstock bearbeitete: Mythen sind niemals eindeutig, und seine Zeichnungen auch nicht.
Neben Wagner war Jean Paul der zweite Fixpunkt seines Werks. Rongstock hinterließ das umfangreichste Bildwerk zu Jean Pauls Schriften, das je ein Künstler geschaffen hat. Literarische Figuren aus Romanen wie Siebenkäs projizierte er auf Bayreuther Wahrzeichen, das Markgräfliche Opernhaus, die Rollwenzelei, Schloss Fantaisie. Bekannte Orte bekamen bei ihm etwas Fremdes, das Vertraute wurde unheimlich.
Sein Gesamtwerk umfasst weit über 500 grafische Arbeiten. Arbeiten von ihm befinden sich in der Staatlichen Graphischen Sammlung München und im Schiller-Nationalmuseum in Marbach. Ausstellungen zeigten sein Werk von Bayern über Weimar bis in die USA. 2006 erhielt er den Kulturpreis der Stadt Bayreuth. In der Laudatio sagte Herbert Kaiser: „In Ihren Bildern erzählen Sie als darstellender Künstler Mythen, überliefern so den Grundbestand unserer Kultur.“
Das Ende und was bleibt
Rongstock heiratete 1968 die Künstlerin Heike Rongstock, geborene Tooren. Ihr gemeinsamer Sohn Richard wurde 1972 geboren. Am 21. August 2012 starb Hermann Rongstock nach kurzer schwerer Krankheit in seiner Heimatstadt, in der Stadt, die er mit 17 verlassen hatte und der er am Ende sein Leben lang verbunden blieb. Seine Witwe Heike Rongstock verwaltet das künstlerische Erbe bis heute.
Der Dokumentarfilm „Der Bayreuther Herrmann“ (2011), gedreht von Michael Nahlig, begleitet Rongstock an seinen Schauplätzen und zeigt, was jede Biografie letztlich nur umschreiben kann: wie jemand wirklich arbeitet und denkt. Der Film lief im April 2012 bei den Grenzland-Filmtagen in Selb.
Während Bayreuth in diesem Sommer seinen 150. Festspielgeburtstag feiert und der „Ring des Nibelungen“ wieder auf dem Programm des Grünen Hügels steht, erinnert das Werk Rongstocks daran, was abseits der Bühne passiert: dass Kunst aus der Beobachtung kommt. Nicht aus dem Parkett.
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