„Die Tigermücke ist längst angekommen“: Reisemediziner Dr. Frühwein im Gespräch über den Chikungunya-Ausbruch in Südfrankreich
Seit dem 27. Juli 2026 gilt es amtlich: Im Département Tarn, im Südwesten Frankreichs, wurde der erste durch Mücken übertragene Chikungunya-Fall des Jahres registriert, ohne dass die betroffene Person zuvor im Ausland gewesen wäre. Seitdem zählt die französische Gesundheitsbehörde Santé publique France Woche für Woche neue Fälle. Wer in diesem Herbst noch in die Gironde, ins Département Lot oder überhaupt in den Südwesten Frankreichs reist, kommt an dem Thema kaum vorbei. Wir haben darüber mit Dr. med. Markus Frühwein gesprochen. Er ist Facharzt für Allgemein-, Reise-, Tropen- und Ernährungsmedizin, 1. Vizepräsident der Deutschen Fachgesellschaft für Reisemedizin (DFR) und praktiziert in München in der Praxis Dr. Frühwein & Partner, die 1946 als eine der ersten Gelbfieber-Impfstellen Europas gegründet wurde.
Redaktion: Herr Dr. Frühwein, wie ernst ist die Lage in Südfrankreich aktuell wirklich?
Dr. Frühwein: Man muss die Zahlen einordnen, sonst wird daraus schnell Panikmache. Der erste autochthone Fall wurde am 27. Juli im Tarn festgestellt. Eine Woche später waren es sieben Fälle, dann fünfzehn, dann fünfundzwanzig. Zum Stichtag 24. August zählte Santé publique France 33 Fälle in sieben Übertragungsherden, verteilt auf vier Départements: Tarn, Lot, Gironde und Val-de-Marne bei Paris. Betroffen sind unter anderem Saint-Amans-Soult im Tarn sowie die Gemeinden Prignac-et-Marcamps und Saint-Médard-en-Jalles in der Gironde. Das ist eine reale, ernstzunehmende Entwicklung. Aber es ist kein Rekordausbruch. Das war 2025, mit 809 autochthonen Fällen, ausgelöst durch die große Epidemie auf La Réunion mit rund 54.550 Fällen und 43 Todesfällen. Davon sind wir 2026 bislang weit entfernt.
Redaktion: Wieso taucht das Virus dann überhaupt jedes Jahr wieder auf?
Dr. Frühwein: Weil die Mücke da ist, die es überträgt, die asiatische Tigermücke. Sie hat sich inzwischen in 81 bis 83 der 96 Départements des französischen Festlands festgesetzt, je nachdem, welche Quelle man zum Stichtag heranzieht. Frankreich ist laut ECDC das einzige Land in der EU und im EWR, in dem 2026 überhaupt eine autochthone Übertragung dokumentiert ist. Deshalb läuft dort auch jedes Jahr vom 1. Mai bis zum 30. November eine verstärkte Überwachung.
Redaktion: Müssen wir uns in Deutschland auch Sorgen machen?
Dr. Frühwein: Die Tigermücke ist auch bei uns längst angekommen, das beschäftigt mich nicht erst seit diesem Sommer. Schon 2016 und 2018 wurde ich dazu befragt, wie sich das Tier in Bayern ausbreitet, damals von der Schwäbischen Zeitung und von OVB Online. Heute ist sie in mehreren Bundesländern etabliert, in Bayern etwa rund um Fürth und Nürnberg sowie in den Landkreisen Forchheim und Wunsiedel, mit kleinen Populationen sogar mitten in München. Was fehlt, ist der nächste Schritt: eine dokumentierte lokale Übertragung von Chikungunya oder Dengue auf deutschem Boden. Die gab es bislang nicht. Das Robert Koch-Institut registriert für 2026 importierte Fälle vor allem bei Reiserückkehrern aus tropischen Regionen, nicht aus Frankreich.
Redaktion: Sollte man eine Reise nach Südwestfrankreich jetzt überdenken?
Dr. Frühwein: Der CDC aus den USA weiß aktuell diverse Ausbruchs- und Risikogebiete in vorwiegend tropischen Regionen aus. Das französische Festland taucht dort bislang nicht auf. Ich würde das trotzdem kurz vor Abreise noch einmal selbst nachschauen, auch beim Auswärtigen Amt. Solche Hinweise können sich schnell ändern, und die Fallzahlen aus Frankreich werden wöchentlich aktualisiert.
Redaktion: Es gibt inzwischen zwei zugelassene Impfstoffe gegen Chikungunya. Was unterscheidet sie?
Dr. Frühwein: Vimkunya von Bavarian Nordic ist ein Totimpfstoff, seit Februar 2025 in der EU zugelassen und seit März 2025 in Deutschland verfügbar. Eine Dosis, zugelassen ab zwölf Jahren, ohne obere Altersgrenze. Nach individueller Abwägung ist er auch bei Immundefizienz, in der Schwangerschaft oder in der Stillzeit einsetzbar. Ixchiq von Valneva ist dagegen ein Lebendimpfstoff, in der EU seit Juni 2024 zugelassen, ursprünglich ab achtzehn Jahren, seit April 2025 auch ab zwölf. Ebenfalls eine Dosis. Bei Immundefizienz, in der Schwangerschaft und in der Stillzeit ist er kontraindiziert.
Redaktion: Bei Ixchiq gab es doch Sicherheitsbedenken?
Dr. Frühwein: Ja, und die nehmen wir in der DFR sehr ernst. Im Mai 2025 wurden der EMA weltweit siebzehn schwerwiegende Nebenwirkungen bei 62- bis 89-Jährigen gemeldet, darunter zwei Todesfälle. Die EMA hat den Impfstoff daraufhin für Menschen ab 65 vorübergehend ausgesetzt und die Einschränkung am 24. Juli 2025 nach Prüfung wieder aufgehoben, allerdings mit der Auflage, ihn nur bei tatsächlich erhöhtem Infektionsrisiko und nach sorgfältiger Abwägung einzusetzen. Die deutsche STIKO ist hier strenger als die EMA: Sie empfiehlt Ixchiq nur für 12- bis 59-Jährige, ab 60 ausschließlich Vimkunya. Das Paul-Ehrlich-Institut hat diese Einschränkung am 14. Juli 2026 per Rote-Hand-Brief noch einmal bekräftigt. Das haben wir bei der DFR-Empfehlung entsprechend berücksichtigt.
Redaktion: Wer sollte sich denn nun konkret impfen lassen?
Dr. Frühwein: Die STIKO empfiehlt die Impfung für Reisen in Gebiete mit aktuellem Chikungunya-Ausbruchsgeschehen, besonders bei Aufenthalten über vier Wochen oder bei wiederholten Kurzreisen. Dazu kommt ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf, etwa ab 60 Jahren oder bei schweren Vorerkrankungen wie Herz-Kreislauf-, Atemwegs-, Leber- oder Nierenerkrankungen sowie Diabetes. Wer keinen dieser Punkte erfüllt, muss sich deswegen nicht zwingend impfen lassen. Eine individuelle Beratung ersetzt das ohnehin nicht. Die DFR empfiehlt die Impfung grundsätzlich bei Reisen in Endemiegebiete zu erwägen.
Redaktion: Übernimmt die Krankenkasse die Kosten?
Dr. Frühwein: Das ist unterschiedlich, pauschal lässt sich das nicht beantworten. Die STIKO-Empfehlung ist seit dem 25. Oktober 2025 Teil der Schutzimpfungs-Richtlinie. Eine Pflichtleistung der gesetzlichen Kassen besteht aber nur, wenn die Reise beruflich oder ausbildungsbedingt veranlasst ist. Bei privaten Reisen zahlt man in der Regel selbst, manche gesetzlichen Kassen erstatten freiwillig als Satzungsleistung. Das hängt von der jeweiligen Kasse ab, da hilft nur nachfragen.
Redaktion: Was raten Sie jemandem, der in den nächsten Wochen noch nach Südwestfrankreich fährt?
Dr. Frühwein: Die verstärkte Überwachung in Frankreich läuft noch bis zum 30. November, die Zahlen werden bis dahin weiter wöchentlich aktualisiert. Ich würde kurz vor der Abreise noch einmal die aktuellen Fallzahlen und die Reisehinweise checken, nicht die von vor vier Wochen. Und bei Risikofaktoren, also z.B. Alter über 60, Vorerkrankungen oder einem längeren Aufenthalt, lohnt sich ein Beratungsgespräch, bei dem man auch über die Impfung sprechen kann. Eine Impfung kann auch wenige Tage vor Abreise noch sinnvoll sein.
Redaktion: Herr Dr. Frühwein, vielen Dank für das Gespräch und die Einordnung.
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